Der
Euro-Islam als Migrationsphänomen und die
Fragen
der Moderne, der Identität und der Integration
von Dr. Jamel Ben-Abdeljelil
Die aktuellen
Auseinandersetzungen mit Themen und Fragestellungen des Islam
und darüber zu
schreiben oder zu referieren widerspiegeln oft die hegemonialen
Verhältnisse die meist
emotionalisiert und neurotisiert geprägt sind. Diese sind
charakterisiert durch
defensive oder offensive Selbstsituierung in den Argumentationen
und/oder durch die
blockierte Realitätswahrnehmung in gedanklichen Konstrukten und
Vorurteile, die
letztendlich nur Wunschvorstellungen sind und eben diese Funktionen
erfüllen. Deshalb ist
eine selbstrelativierende, differenzierte und objektive
Auseinandersetzung in
diesem Zusammenhang sehr schwierig zu erlangen. Dem
notwendigen
Ehrlichkeits- und Klarheitsgebot in der Analyse entsprechend, müssen die
verschwiegenen und
unausgesprochenen Beweggründe und Zielsetzungen offen dargelegt
werden, im
vorprogrammierte Missverständnisse und Täuschungen zu vermeiden. Man
muss zugeben, dass das
nur schwer erreicht werden kann, auf Grund der
Selbstunterwerfung unter
psychologischen, kulturellen und dogmatischen Stukturen die
ihre Haltungen prägen.
Diese Haltungen können nur legitimieren und rechtfertigen und
weichen jeder
grundsätzlichen Kritik aus.
In Zusammenhang von
diesen methodologischen und kontextuellen Bemerkungen
ist die Frage eines
europäischen Islam zu stellen. Der Islam als die Summe von
soziokulturellen,
spirituellen, gedanklinchen und Glaubensstrukturen mit dem damit
verbundenen
kollektiven Imaginär, die alle in einem historischen Prozess innerhalb der
Zeit- und
Raumkategorien entstehen und sich entwickeln, unterliegt
Veränderungsfaktoren
und Einflüssen der Geschichte. In diesem Zusammenhang sind
die vielfältigen und
pluralen Manifestierungsformen, die in der islamischen Geschichte
festzustellen sind, zu
verstehen. Diese Manifestierungsformen sind auf philosophischen
und
glaubenskonfessionellen aber auch auf politischen, juristischen und
literarischen
Ebenen zu finden, die
nicht selten gegensätzliche und nicht immer konfliktfreie
Haltungen eigenommenem
haven. Die islamischen Geschichtswerke und die der
Häresiographie
bezeugen eine Fülle von verschiedenen Schulen, Tendenzen und Sekten
in einer Form, die die
naïve orthodoxe verbreitete Vorstellung von einem homogenen
einfärbigen Bild
sowohl der islamischen Geschichte als auch ihrer Gegenwart sehr stark
erschüttert. Denn die
Darstellung eines solchen Bildes erhebt vermeintlich den Anspruch
auf den
Wahrheitsbesitz und vereinnahmt das Recht zu definieren, was und wer islamisch
sein kann oder nicht.
Es ist festzustellen, dass die Verschiedenartigkeit und die Vielfalt
in einem historischen
Prozess eine naturhafte und historische Gesetzlichkeit ist, von der
der Islam nicht
ausgenommen ist. Bei der Betonung der Historizität der islamischen
Kultur soll die
Historizität des Verhältnisses zum islamischen religiösen Text – Koran
und Hadith –
hervorgehoben werden. Denn die verschiedenen Textlesearten,
Exegeseformen und
Auslegungsmöglichkeiten, mit den daraus abgeleiteten und
hervorgebrachten
juristischen, moralischen und Glaubenskonzepten, stehen im direkten
Zusammenhang mit den
Raum- und Zeitbedingungen von denen sie unmittelbar
abhängen. Dieser
historische anthropologische Aspekt der religiösen Texte und Tradition
lässt den
metahistorischen Absolutheitsamspruch aufheben und ermöglicht eine historische
Relativität, die als Voraussetzung notwendig ist für eine intellektuelle offene
Haltung, für
konstruktive Kritik und Selbstkritik, für Selbstentwicklung und
Überwindung in
Relation mit dem Anderen.
Diese Zummenhänge
bestimmen positv und/oder negativ das Verh”ltnis und die
Beziehungen
Islam-Westen oder Islam-Europa. Denn diese Beziehungen sind im
Gegensatz zu einigen
Behauptungen weder neu noch akzidentiell, sie sind vielmehr
historisch sehr
verwurzelt und verflochten. Dies fängt nicht zuletzt an, einerseits mit der
komplizierten und
nicht unproblematischen monotheistischen abrahamitischen